• 27. – 29. September 2022
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„Magnesium wird sträflich unterschätzt“ (Teil 1)

12. Januar 2022
Düsseldorf

Geht Europa das Magnesium aus? Und wer ist schuld an der aktuellen Krise? Werkstoff-Experte Christoph Schendera spricht im Interview über die zögerliche europäische Politik, das beeindruckend stringente Vorgehen Chinas und über mögliche Alternativen, um wieder eine europäische Primärproduktion zu etablieren. Teil 1 des Interviews.

ALUMINIUM: Herr Schendera, in den vergangenen Wochen häufen sich die Warnungen vor Magnesium-Knappheit in Europa. Sind die ernst zu nehmen?

Christoph Schendera: Ja, wir haben ein massives Problem. Der europäische Jahresbedarf von 160.000 Tonnen wird bis auf ein paar Tonnen aus Israel und der Türkei nahezu komplett durch chinesisches Primärmagnesium abgedeckt. Neben China sind dies die einzigen Magnesiumproduzenten, die exportieren. Alle anderen Produktionsländer benötigen mehr Magnesium, als sie selbst produzieren. In der EU wird Magnesium seit 2002 nicht mehr produziert, sondern nur noch recycelt, weshalb wir auf Importe angewiesen sind.

 

Und wer ist daran schuld? China?

Schendera: Das Vorgehen der Chinesen ist äußerst stringent, keine Frage. Doch das Problem ist auch hausgemacht. Zu meiner Zeit als Market Development Manager bei Hydro Magnesium Anfang 2000 waren wir mit knapp 90.000 Jahrestonnen größter singulärer Hersteller von Primärmagnesium und Magnesiumlegierungen und haben in Zusammenarbeit mit unseren Kunden Bauteile und gegebenenfalls die entsprechenden Legierungen beziehungsweise Fertigungsprozesse weiterentwickelt.

Im Gegenzug haben sich diese verpflichtet, über einen gewissen Zeitraum das Rohmaterial bei uns zu kaufen. Parallel haben die OEMs und Tier1 jedoch mehr und mehr Magnesium in China bezogen, da hier das Kilo um wenige Cent günstiger angeboten wurde.

 

Mit welchem Resultat?

Schendera: Mit dem Resultat, dass Hydro Magnesium im Jahre 2001 das Primärwerk in Porsgrunn, Norwegen und dann in 2007 das weltweit größte und modernste Primärwerk in Bécancour, Kanada stillgelegt hat. Die Erzeugung war im Wettbewerb mit den chinesischen Produzenten nicht mehr konkurrenzfähig – damit ging eine über 55 Jahre lange Ära zu Ende.

 

Warum ist Magnesium Ihrer Meinung nach denn so wichtig?

Schendera: Magnesium ist in meinen Augen ein sträflich unterschätzter Werkstoff. Es ist nicht nur wichtigstes Legierungselement für die Aluminiumindustrie zur Verbesserung von Festigkeit, Zähigkeit und Korrosionsbeständigkeit – Magnesium ist darüber hinaus auch ein wichtiger Werkstoff für den idealen Leichtbau in Kombination mit Aluminium, hochfesten Stählen oder faserverstärkten Kunststoffen.

Aus meiner Sicht stellen Aluminium und Magnesium aufgrund ihrer physikalischen und mechanischen Werkstoffeigenschaften, der Verarbeitbarkeit und der Recyclingfähigkeit die ideale Werkstoffkombination im modernen Leichtbau dar. Aber wir haben es nicht geschafft, Magnesium entsprechend zu etablieren. Magnesium hat aber auch nicht die Unterstützung von Seiten der Politik erfahren – wir haben zugesehen, wie sich in China ein Magnesium-Monopol entwickelt hat.

 

 

 

 

 

 

 

Christoph Schendera ist Geschäftsführer der Europäischen Forschungsgemeinschaft Magnesium e.V. (EFM) in Aalen. Der studierte Maschinenbau-Diplomingenieur / Werkstoffwissenschaftler war unter anderem für das Deutsche Zentrum für Luft- & Raumfahrt, die Boeing Company in Seattle, das Fraunhofer-Institut für Werkstoffmechanik und Hydro Magnesium tätig und ist Gründer und Eigentümer der MagXpert Consulting in Düsseldorf.

Was meinen Sie damit?

Schendera: Die europäische und insbesondere die deutsche Politik hat sich mit ihrer Energiepolitik selbst ins Abseits gestellt. Die Strompreise haben sich in Deutschland aufgrund von Steuern, CO2-Abgaben und Netzentgelten in den letzten 20 Jahren mehr als verdoppelt.

Wir haben also munter an der Strompreisschraube gedreht, haben zugesehen, wie energieintensive Unternehmen nach und nach aus Europa abgewandert sind und sich China weltweit mehr und mehr strategisch wichtige Rohstoffe gesichert hat. Und damit zum wichtigsten Rohstoffproduzenten weltweit aufgestiegen ist.

 

Und niemand hat vor dieser Entwicklung gewarnt?

Schendera: Natürlich, es gab immer wieder Warnungen. Aber wenn wir als Europäische Forschungsgemeinschaft Magnesium in Berlin vorgebracht haben, dass Magnesium ein wichtiger strategischer Werkstoff ist, die chinesischen Primärproduzenten weiter konsolidieren und es durch die Umsetzung von schärferen Umweltauflagen zu massiven Engpässen und damit verbundenen Preissprüngen kommen kann, hat man uns belächelt.

Sogar die Warnungen seitens der mächtigen Aluminium-Verbände wurden ignoriert. Magnesium ist immerhin auf der Liste der Critical Raw Materials gelandet, doch die Brisanz wurde nicht wirklich erkannt, und das Resultat sehen wir jetzt.

„Magnesium hat nicht die Unterstützung von Seiten der Politik erfahren – wir haben zugesehen, wie sich in China ein Magnesium-Monopol entwickelt hat."

Was hat China denn gleichzeitig richtig gemacht?

Schendera: Mitte der 1970er-Jahre hat China damit begonnen, Magnesium mittels des relativ einfachen Pidgeon-Prozesses zu produzieren. Bis Mitte der 1990er-Jahre lag die Jahresproduktion bei unter 10.000 Tonnen. Im Jahr 2000 waren es dann schon mehr als 200.000 Tonnen. Heute werden in China zwischen 800.000 und 1.000.000 Tonnen Primärmagnesium und damit um die 90 Prozent der Weltjahresproduktion hergestellt.

 

Warum war denn die Entscheidung für dieses Verfahren so wirkungsvoll?

Schendera: Bis Ende der 1990er-Jahre war das Elektrolyse-Verfahren, mit dem man bis heute auch Primäraluminium herstellt, das „State-of-the-Art“-Verfahren. Allerdings hat der Pidgeon-Prozess den Vorteil, dass dieser einen fünffach geringeren Invest hat und man zudem ungelernte – und damit billige – Arbeitskräfte einsetzen kann. Evakuierte Stahlrohre zu beheizen und zu warten, bis Magnesium kondensiert, ist ziemlich simpel.

Außerdem setzen die Chinesen heute statt Kohleabfällen Koksgase als Energiequelle ein, und damit liegen die Emissionen nur unwesentlich über jenen zur Produktion von Primäraluminium.

Auch die Qualität ist heute mit der des elektrolytisch hergestellten Magnesiums vergleichbar. So waren sie in der Lage, relativ schnell günstiges Magnesium anzubieten. Allerdings fehlt bis heute die Unterstützung, die Hydro Magnesium seinen Kunden hat bieten können.

 

Und wie haben die westlichen Produzenten und Abnehmer reagiert?

Schendera: Wie es zu erwarten war. Vor allem unter dem Preisdruck der Automobilindustrie haben die großen europäischen und amerikanischen Firmen nach und nach ihre Magnesium-Produktionen geschlossen. Alle großen Hersteller hatten damals Agreements mit einzelnen Automobilherstellern, doch als die Verträge ausliefen, entschieden diese sich für das günstigere chinesische Magnesium.

 

Lesen Sie hier den 2. Teil des Interviews

 

Das Gespräch führte Bernhard Fragner.