Warum künstliche Intelligenz ein philosophisches Thema ist

21. September 2021
Düsseldorf

Was ist eigentlich der USP des Menschen? Welche Tätigkeiten können und sollen wir an künstliche Intelligenzen delegieren? Jonas Moßler, dessen Unternehmen SUSI&James der Industrie „digitale Mitarbeiter“ anbietet, spricht über die Grenzen von KI, ihren sinnvollen Einsatz – und über seine eigenen Ängste.

ALUMINIUM: Herr Moßler, ‚künstliche Intelligenz‘ ist ein Begriff, der recht unterschiedlich verwendet wird. Wie definieren Sie denn KI?

Jonas Moßler: Man kann KI selbstverständlich als Automatisierung von menschlichem Verhalten definieren, als Simulation kognitiver menschlicher Fähigkeiten oder von neuronalen Netzen. Ich würde das Thema aber nicht exklusiv an den Menschen koppeln, denn der Mensch ist zwar eine relativ komplexe Instanz, aber man kann Intelligenz auch auf der Ebene einer Mücke verhandeln. Um zu beurteilen, wo künstliche Intelligenz beginnt, muss man also im Grunde zunächst darüber nachdenken: Was ist eigentlich Intelligenz? Und was bedeutet ‚künstlich‘? Wir selbst sind ja Teil der Natur. Wenn wir also etwas erschaffen – ist das dann künstlich? Sie sehen: Da wird es schnell philosophisch, das geht schnell in die Tiefe.

 

Das klingt fast ein wenig entschuldigend. Ist denn nicht ein Problem der Diskussion, dass sie viel zu selten ins Philosophische abgleitet?

Moßler: Da stimme ich Ihnen zu. Tatsächlich müsste man in der Gesellschaft zunächst viel grundlegender darüber nachdenken. Es fängt ja bei den Begriffen an, bei unserem Denkrahmen. Es geht hier um tiefgreifende Themen, die mit unserem Menschsein zu tun haben.

 

Zur Person

Jonas Moßler ist Gründer und Geschäftsführer der SUSI & James GmbH. Seit über einem Jahrzehnt entwickelt er KI-Technologien. Zunächst zu wissenschaftlichen Zwecken – er arbeitete am Deutschen Krebsforschungszentrum. Nachdem er erkannte, dass seine wahre Berufung in der Überbrückung der Mensch-Maschine-Beziehung liegt, gründete er SUSI&James. SUSI&James bietet mit seinem digitalen Mitarbeiter SUSI eine bilaterale Partnerbeziehung an, bei der nicht nur die Benutzer lernen, wie man Maschinen benutzt, sondern auch die KI lernt, wie sie die Zusammenarbeit mit den Benutzern verbessern kann. Neben dem Zusammenbringen von Menschen und Maschinen beteiligt sich Moßler auch gerne an philosophischen Streitgesprächen und diskutiert aktuelle politische und gesellschaftliche Themen. Heute ist SUSI&James der führende Hersteller von Digitalen Mitarbeitern in Deutschland mit Anwendungen in vielen verschiedenen Branchen wie Automotive, Dienstleistung, Industrie, Handel, Logistik, Finanzen, Energie und Gesundheit.

Muss man nicht auch die Frage nach den Grenzen der sinnvollen Anwendung sowohl technologisch als auch philosophisch stellen? Immerhin geht es ja auch um die Zukunft der Arbeit an sich.

Moßler: Wenn ich diese Frage aus unserem Geschäftsmodell heraus nüchtern beantworte, dann geht es um repetitive, in ihrer Komplexität überschaubare Tätigkeiten und Prozesse. Die kann man einer Maschine beibringen, auf den verschiedenen sensorischen, motorischen und kognitiven Ebenen. Und das ist nicht wenig, denn immerhin ist das bereits Teil unserer unbewussten Welt. Ich bin als Mensch ja selbst eine kleine KI, bin selbst ein System, das trainiert wurde und sich selbst trainiert. Der Mensch ist für mich unfassbar spannend, zugleich ist er aber mit seiner Körperlichkeit und seiner Gestalt auch ein Vehikel und ein hoch entwickelter biochemischer Roboter. All unsere Tätigkeiten – Zähneputzen, Fahrradfahren, ein Möbelstück zusammenbauen – sind in diesem Sinne angreifbar.

 

Aber wo ist die Grenze?

Moßler: Die Grenze ist da, wo wir uns als Mensch verstehen. Und damit beschäftigen wir uns ja überhaupt nicht mehr: Was ist unser USP? Das ist eine fundamentale Diskussion, sie wird aber nicht geführt, denn es würde auch ein bisschen Kultur- und Bewusstseinssprung mit sich bringen, wenn man mal erkennt: Wir können viel automatisieren, aber irgendwie ist der Mensch ja vielleicht doch wertvoll. Nur eben vielleicht nicht bei Dingen, die auch Maschinen machen können.

 

Vielleicht wollen wir diese Dinge aber weiterhin selbst machen?

Moßler: Vollkommen richtig, es kann ja auch sinnlich sein, einen Stuhl selbst zu zimmern, selbst Auto zu fahren. Aber wie gesagt: Rein technisch und mathematisch betrachtet, sind sehr viele Prozesse heute tatsächlich rationalisierbar, beschreibbar und trainierbar. Und zwar in einem hohen Maße. Das geht hin bis zur Tätigkeit von Ärzten oder Rechtsanwälten. Bei einem Gespräch, wie wir es gerade führen, wird es schwieriger.

 

Aber was bleibt denn nun vom USP des Menschen?

Moßler: Genau darüber hätte ich gerne eine gesellschaftliche Diskussion: Was ist eigentlich das Spannende am Menschen? Und warum ist es vielleicht auch sinnvoll, Dinge loszulassen, an die wir uns nicht exklusiv binden müssen, weil sie auch Maschinen übernehmen können? Wie nützlich ist das für uns als Menschen? Und zwar nicht im Sinne von Geschäftsmodellen.

 

Künstliche Intelligenz ruft auch Ängste hervor. Wie begegnen Sie denen?

Moßler: Indem ich sie teile. Ich halte es für vermessen und für gefährlich, sie nicht zu teilen. Die Anwendungen mögen heute noch ein bisschen lapidar sein, aber wir alle spüren, dass hier gerade etwas Größeres passiert. Wenn man sieht, wie Roboter Saltos schlagen, entsteht natürlich schnell das Bild, was wohl passieren würde, trügen sie Waffen. Wir sollten Angst haben.

 

Und was machen wir mit dieser Angst?

Moßler: Die Kultur, sich über Gefühle auszutauschen, geht in meinen Augen gerade ein wenig verloren. Wir lernen als Gesellschaft, gewisse Dinge blind hinzunehmen: Silicon Valley macht das, ist doch geil! Wir lernen, dem zu folgen, aber wir sind doch keine Schafe! Wir müssen unsere Angst aktiv einbringen, denn sie ist berechtigt. Das militärische Beispiel ist natürlich ein extremes – viel naheliegender ist etwa, dass man Menschen immer besser digital ausknipsen kann. In China werden die Menschen heute schon digital gescored, das ist ja keine Phantasie.

"Was ist eigentlich das Spannende am Menschen? Und warum ist es vielleicht auch sinnvoll, Dinge loszulassen, an die wir uns nicht exklusiv binden müssen, weil sie auch Maschinen übernehmen können?"

Die Lösung wird aber wohl nicht sein, den Geist wieder in die Flasche zu drücken. Geht es darum, dass vermehrt Menschen mit ethischer Gesinnung die Sache in die Hand nehmen?

Moßler: Ja, aber es geht um mehr. Ich bin der festen Überzeugung, dass diese Wertediskussion auch in der technischen Implementierung von KI stattfinden muss. Indirekt ist ja das Ziel, dass souverän handelnde künstliche Intelligenzen entstehen. Das ist derzeit eher ein Hidden Track, noch wissen wir nicht wirklich, wie wir dorthin kommen. Aber irgendwann wird es so weit sein, und wir müssen uns überlegen, was dann passiert. Die künstlichen Intelligenzen brauchen einen Kern, mit dem wir uns wirklich identifizieren können. Wir müssen den Rahmen setzen, sonst wird es hässlich.

 

Ihr Unternehmen entwirft ‚digitale Mitarbeiter‘. Irgendwie ist das ein eigentümlicher Begriff.

Moßler: Als wir vor ein paar Jahren damit anfingen, gab es tatsächlich Widerstände gegen diese Bezeichnung. Aber mittlerweile fühlen wir uns damit sehr wohl, denn es ist ehrlich: Wir reden dann davon, wenn KIs kommunizieren können, mit natürlicher Sprache, über verschiedene Kanäle. Und wenn sie im Hintergrund lernen, selbstständig Programme zu bedienen und Prozesse umzusetzen. Diese Kombination ist für uns ein digitaler Mitarbeiter.

 

Der in welchen Feldern eingesetzt wird?

Moßler: Wir gehen immer in Anwendungen, in denen der Mensch nicht mehr leistungsfähig sein kann, aber der Kunde ebendiese Erwartung hat. Wenn Sie heute in einem Autohaus anrufen, werden Sie feststellen: Leider sind die nicht sehr responsiv. Das mag im Einzelfall am Einzelnen liegen, aber wahrscheinlich ist es meist einfach zu viel. Die haben anderes zu tun, es ist eine Überlastung. Diese Lücken zu füllen, diese Überlastungen zu beseitigen: Das ist unser Ansatz. Wir können Themen entspannen.

 

Zum Beispiel?

Moßler: Denken Sie etwa an komplexe Umfelder, an Konzerne! Dort laufen 500 SAP-Module, und eines ist hässlicher als das andere, langsam, anfällig. Die IT ist beliebig hässlich. Da ist es doch spannend zu sagen: Diese ganze hässliche IT-Landschaft, dieses Herumklicken, darauf habe ich keine Lust mehr, ich habe doch als Mensch Besseres zu tun! Der SUSI tut das alles nicht weh.

 

Dass das auch nach Rationalisierung klingt, ist Ihnen aber schon bewusst?

Moßler: Niemand wurde irgendwo gekündigt wegen SUSI, wir haben nur Stress rausgenommen. Und menschliche Energie freigesetzt. Ich behaupte nicht, dass nicht irgendwann auch Rationalisierung die Folge sein kann. Das ist aber eine Entwicklung, vor der ich tatsächlich weniger Angst habe. Es muss nur in der richtigen Geschwindigkeit geschehen, die Menschen müssen abgeholt werden. Und wir brauchen natürlich eine gesellschaftliche Diskussion darüber.

 

Muss künstliche Intelligenz auch als solche wahrgenommen werden? Oder ist Ihr Ziel die perfekte Simulation?

Moßler: Genau darüber haben wir eingehend nachgedacht. Ich bin der Überzeugung: Wenn die KI unerkannt bleibt, ist das unehrlich. Ich will, dass es authentisch ist, daher machen wir auch immer transparent, wenn es sich um einen digitalen Mitarbeiter handelt: ‚Du sprichst mit einer KI – die ist nicht so leistungsfähig wie die menschlichen Kollegen, aber die haben leider gerade zu tun.‘ Das ist eine demütige Haltung. Die KI wird zum Lehrling, und man weiß auch, dass man jetzt mit einem spricht. Nur eben mit einem digitalen Lehrling.

 

Das Gespräch führte Bernhard Fragner.

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