Nachhaltigkeit: Warum die Aluminiumindustrie Vorreiter ist

30. August 2021
Düsseldorf

Agiert Europa in Handelsfragen zu naiv? Muss die Politik die Rahmenbedingungen der Globalisierung überdenken? Gerd Götz, Director General von European Aluminium, spricht im Interview über Erfahrungen aus der Vergangenheit, Visionen für die Zukunft, das Verhältnis zwischen Industrie und Nachhaltigkeit – und über die Vorreiterrolle der Aluminiumindustrie beim Thema Sustainability.

ALUMINIUM: Herr Götz, European Aluminium feiert in diesem Jahr 40-jähriges Bestehen. Welche Bedeutung hat das für Sie?

Gerd Götz: Es ist ein guter Moment, um innezuhalten. Darüber nachzudenken, was wir bereits erreicht haben und noch erreichen wollen. Wir haben in diesen vier Jahrzehnten elementare wirtschaftliche und politische Umbrüche erlebt, und viele davon haben auch unsere Industrie betroffen. Ich denke, uns allen ist klar, dass wir uns auch jetzt in einer Zeitenwende befinden.

Ist die Pandemie auch ein solcher Auslöser für einen Umbruch?

Götz: Sie bildet einen gewissen Haltepunkt. Die Globalisierung hat unbestritten viele Vorteile gebracht, doch vor allem in den vergangenen zehn Jahren haben wir wohl zu selten innegehalten, um die Entwicklungen zu hinterfragen. Das betrifft etwa die strategische Bedeutung von Versorgung: Wir waren gewöhnt, dass alles jederzeit verfügbar ist – vom Toilettenpapier bis zu Aluminiumleitern aus China. Nun müssen wir darüber nachdenken, ob diese Art der Globalisierung die richtige Entwicklung war. Zudem haben wir den Fehler gemacht, gewisse Bereiche zu isoliert zu betrachten.

 

   

Zur Person

Gerd Götz ist seit 2013 Generaldirektor von European Aluminium. Er hatte verschiedene leitende Funktionen in den Bereichen Public Affairs, Unternehmenskommunikation und Markenmanagement in Berlin, Hamburg, Brüssel und Amsterdam inne. Zuletzt war er Vice President und Global Head of Public Affairs bei Royal Philips. Gerd Götz studierte Betriebs- und Volkswirtschaftslehre in Berlin und Paris-Dauphine und promovierte an der Freien Universität Berlin.

Zum Beispiel?

Götz: Handel und Umwelt etwa. Wir sehen heute viel deutlicher, wie eng diese beiden Bereiche zusammenhängen. Unsere Aufgabe muss es sein, sie auch klug miteinander zu verbinden. Europa ist beim Thema Freihandel oftmals zu naiv vorgegangen. Wir haben Marktökonomien und Nicht-Marktökonomien von Haus aus gleichgesetzt – in der Vorstellung: „Wir werden sie schon überzeugen, dass unser Weg der richtige ist.“ Hier tut eine Phase des Nachdenkens wohl gut.

Die Pandemie hat auch die Diskussion um Globalisierung und Re-Regionalisierung befeuert. Ist das für die Aluminium-Industrie relevant?

Götz: Re-Regionalisierung erwarte ich nicht, die Strukturen sind hier doch recht gefestigt. Beim Thema Globalisierung gibt es aber durchaus Handlungsbedarf für die Politik. Denn wir müssen feststellen, dass die großen Investitionen in unserer Industrie zuletzt eher nicht in Europa stattgefunden haben, zumindest nicht in der Breite – trotz wachsender Nachfrage und obwohl der europäische Markt höchst innovativ und nachhaltig ist. Wir haben nun zum Glück – und daran hat auch European Aluminium hart gearbeitet – Antidumping-Zölle auf Strangpressen- und bald auch auf Walzerzeugnisse. Und surprise, surprise: Wir sehen wieder erste europäische Investitionen bei den Strangpressen.

Sie wünschen sich weitere politische Maßnahmen bei den Wettbewerbsbedingungen?

Götz: Unsere Industrie zeigt wie unter einem Brennglas, welche Auswirkungen es hat, wenn wir keine vergleichbaren Marktbedingungen haben. Die Rahmenbedingungen sind für uns entscheidend – nicht nur, um den freien Handel zu fördern, sondern um einen fairen freien Handel zu fördern.

Europa wird immer wieder vorgeworfen, zu wenig selbstbewusst aufzutreten. Sind wir hier zu mutlos?

Götz: Mutlos sicher nicht, aber nicht mutig genug. Europa ist so kaufkräftig, so gut ausgebildet – da kann ja kaum eine andere Region mithalten. Es gibt überhaupt keinen Grund, nicht selbstbewusst zu sein. Weder für die Politik noch für die Wirtschaft.

Um Protektionismus geht es Ihnen aber wohl nicht?

Götz: Natürlich nicht, es geht um gleiche, um partnerschaftliche und zukunftsträchtige Verhältnisse. Die Regelwerke der WTO passen heute nicht mehr, weil sie Mitte der 90er-Jahre erstellt wurden, als man davon ausging, dass alle anderen so werden wollen wie wir. Heute erkennen wir, dass viele das nicht können oder nicht wollen. Daher ist die WTO-Reform für die Wirtschaft so wichtig.

Dass Handelsthemen auf europäischer Ebene angesiedelt sind, hilft dabei aber wohl?

Götz: Ja, das ist extrem wichtig. Dass wir hier gemeinsam stark sein können, ist eine nicht zu unterschätzende Errungenschaft der EU. Nicht, um andere zu überrollen, sondern um mit einem ethischen und humanitären Anspruch agieren zu können. Den hatten ja auch die Gründerväter der Union.

"Europa ist so kaufkräftig, so gut ausgebildet – da kann ja kaum eine andere Region mithalten. Es gibt überhaupt keinen Grund, nicht selbstbewusst zu sein. Weder für die Politik noch für die Wirtschaft."

 

Beim ALUMINIUM Business Summit, bei dem Sie eine Keynote halten, wird das Thema Nachhaltigkeit Querschnittsmaterie sein. Sieht sich die Aluminiumbranche hier zurecht als Pionier?

Götz: Hier sind wir definitiv in einer Vorreiterrolle. Das haben unsere Mitglieder schon 2015 sehr nachdrücklich gezeigt, als sie eine Sustainability Roadmap mit Zielen für 2025 aufgestellt haben – noch bevor die UN SDGs oder der European Green Deal das Handeln bestimmt haben. Und seitdem sind wir noch wesentlich anspruchsvoller geworden. Vor allem zeigen wir, was möglich ist – am Konsumentenprodukt Dose, bei der Mobilität von morgen, zunehmend auch beim Thema Design for Recycling. Wer da mit Aluminium arbeitet, hat ganz einfach einen Materialvorteil.

Und das kommt auch in der Öffentlichkeit vermehrt an?

Götz: Ja, wobei uns interessanterweise immer wieder die Begrifflichkeiten im Weg stehen.

Die Begrifflichkeiten?

Götz: Begriffe wie „Schrott“ und „Müll“ waren immer negativ besetzt. Wir fangen gerade erst an zu lernen, dass wir sie positiv besetzen müssen. Mit „Urban Mining“ sind wir da schon einen Schritt weiter.

Wie stehen Sie denn zum Carbon Border Adjustment Mechanism? Gute Intention, schwierige Umsetzung?

Götz: CBAM ist ein schwierige, weil komplexes Thema. Ich sehe die Gefahr, dass es zu sehr zu einem Expertenthema wird, weil das große Ganze aus den Augen verloren wird. Ich gestehe der Politik zu, dass sie irgendwann auch Grenzen ziehen muss, aber momentan wird aus meiner Sicht noch zu viel in einen Korb geworfen, das in verschiedene Körbe gehört, weil es gravierende Unterschiede zwischen den angedachten Sektoren unter dem CBAM-Vorschlag gibt.

Geben Sie mir ein Beispiel?

Götz: Wir sind in der Aluminiumindustrie etwa stark mit den indirekten Energiekosten verbunden – was andere nicht sind. Manche Mechanismen funktionieren nicht für alle Gruppen gleich gut. Das versuchen wir der Kommission und den Mitgliedsstaaten momentan auch zu vermitteln.

Aber der Intention stimmen Sie zu?

Götz: Wir alle wissen, dass die EU diese Abgabe auf lange Sicht einführen will und auch andere Regionen dazu bringen will, ähnlich vorzugehen. Das ist strategisch ein sehr ehrenwertes Vorgehen. Aber wenn ich auf die konkreten Konsequenzen sehe, die sich für einige Sektoren ergeben, die in der ersten Phase eingeschlossen sind, kann ich nicht damit zufrieden sei. Ich sehe, dass die Aluminiumindustrie im Vergleich zu anderen benachteiligt wird. Der One-size-fits-all-Ansatz stimmt einfach nicht mit der Realität überein.

Ich verstehe durchaus die Ambition, neue Anreize zu schaffen. Aber aus der Sicht unserer Industrie muss ich darauf hinweisen, dass die aktuellen Vorkehrungen zum Schutz vor Carbon Lekage besser funktionieren – sie ermöglichen eine vernünftige Mischung aus Handels- und Klimapolititk.

Ich nehme an, das Paket „Fit for 55“ ist für die Aluminiumindustrie ebenfalls hoch relevant?

Götz: Nahezu jede der Verlautbarungen, ja. Bei einigen Themen denke ich, dass wir zu kurz springen, bei anderen eher in die falsche Richtung gehen. Aber das ist normal. Vor allem sehe ich dahinter keine Bösartigkeit.

Auch hier stellt sich aber die Frage nach der Kompatibilität der Akteure und Intentionen.

Götz: Die meisten Parlamentarier in Brüssel verstehen, dass das Schaffen von Rahmenbedingungen für einen Wettbewerb eine wichtige Aufgabe ist. Momentan gibt es sehr starken Rückenwind für jene, die sich mit dem Green Deal beschäftigen. Und den Zug bisweilen zu schnell fahren lassen. Dass der Green Deal ohne die Wirtschaft nicht funktioniert, begreifen immer mehr. Schließlich ist der Green Deal Europas neue Wirtschaftsstrategie und soll dementsprechend eine florierende, nachhaltige Ökonomie anstreben.

Das gibt doch Hoffnung?

Götz: Dass dies Hand in Hand gehen muss, kann heute niemand mehr ernsthaft bezweifeln. Wir müssen aber auch hier aus der Historie lernen. Warum gab es denn den Aderlass der Primärindustrie Europas in den vergangenen zehn, 15 Jahren? Es war nicht die einzelne Regulierung an sich, es war die Kumulation der Regulierungen. In „Fit for 55“ gibt es so viele gute Aspekte! Dies alles in der richtigen Priorität anzugehen, ist aber eine gewaltige Aufgabe und bedarf neben der politischen Richtung auch der Expertensicht der Industrie.

Erlauben Sie noch eine Frage im eigenen Interesse: Welche Rolle werden Messen in Ihren Augen in Zukunft spielen?

Götz: Sie werden weiterhin die Möglichkeit bieten, in kurzer Zeit möglichst viele Player der eigenen Wertschöpfungskette zu treffen. Diese Bedeutung werden Messen weiterhin haben. Vor allem die Transparenz ist unschlagbar – man erfährt auf Messen vielleicht keine Geschäftsgeheimnisse, aber man kann sich mit den Klassenbesten vergleichen. Und noch nie ist jemand schlechter geworden, weil er Benchmark betrieben hat.
Das Interview führte Bernhard Fragner.

Erleben Sie Gerd Götz beim

ALUMINIUM Business Summit 2021
28.­–29. September 2021
Altes Stahlwerk Düsseldorf

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