• 27. – 29. September 2022
  • Messegelände Düsseldorf

„Aluminium ist ein Enabler für den Green Deal“

22. September 2021
Düsseldorf

Die Zukunft des Werkstoffs ist rosig, meint Rob van Gils, CEO von Hammerer Aluminium. Vorausgesetzt, die Politik schützt die Wettbewerbsfähigkeit und garantiert Planungssicherheit – und die Branche selbst vermeidet strikt jeden Anflug von Greenwashing.

ALUMINIUM: Herr van Gils, die Aluminiumbranche attestiert sich selbst eine ziemlich glänzende Zukunft. Sie teilen diesen Optimismus?

Rob van Gils: Absolut. Die Voraussetzungen haben sich ja komplett verändert. Speziell mit dem Green Deal ist allen klargeworden, dass etwa am Shift der Automobilindustrie in Richtung Elektromobilität kein Weg vorbeiführt. Das Thema Leichtbau war früher nur im absoluten Premiumsegment ein Thema, doch jetzt kommt hier ein riesiges Potenzial auf uns zu. Und auch dank der Eigenschaften im Zusammenhang mit Recycling gewinnt unser Werkstoff sehr langfristig an Bedeutung.

 

Womit sich der Fokus von der Herstellung entfernt.

van Gils: Richtig, Aluminium kommt ja nur dann wirklich gut weg, wenn man es mit grünem Strom produziert. Andernfalls repräsentiert der erste Zyklus genau das, wofür man uns früher immer geprügelt hat. Die erstmalige Herstellung ist nun einmal energieintensiv, aber Aluminium hat eine herausragende Fähigkeit, es kann immer wieder recycelt werden – ohne Qualitätseinbußen und mit nur rund fünf Prozent des Energieverbrauchs, der für die Herstellung von Primäraluminium nötig ist. Der Blick auf Circularity macht uns zum Enabler für die Herausforderungen des Green Deal.

 

Wie machen sich diese Themen denn in Ihrer Produktentwicklung bemerkbar?

van Gils: Die kommt permanent mit neuen Ideen, und wir bemerken es auch vertriebsseitig: Noch nie hatten wir so viele Projekte zum Thema Leichtbau in der Pipeline wie derzeit. Und das Schöne daran ist: Bei jeder Entwicklung ist immer auch Nachhaltigkeit ein Element.

 

Auch bei Ihren Kunden? Scheitern nachhaltige Produkte nicht traditionell an den höheren Kosten?

van Gils: Der Preis bleibt natürlich eine schwierige Komponente in der Diskussion. Es ist allerdings schön zu sehen, dass sich immer mehr Kunden authentisch für nachhaltige Ideen interessieren und alles darüber wissen wollen. Ich möchte aber auch betonen: Das alles kostet ja nicht die Welt! Unsere Preise haben bekanntlich eine hohe Rohstoff-getriebene Komponente. Wenn die Kosten für Nachhaltigkeit im niedrigen einstelligen Prozentbereich der Gesamtkosten als zu hoch bezeichnet werden, können wir gleich wieder aufhören.

 

Zur Person

Rob van Gils ist CEO und Geschäftsführender Gesellschafter der HAI-Gruppe. Nachdem er die Verantwortung als CEO der Gruppe übernommen hatte, hat Rob van Gils das Portfolio der Gruppe in den letzten Jahren erheblich verändert. Unterstützt durch konsequente Investitionen in die Rück- und Vorwärtsintegration, deckt HAI heute die gesamte Wertschöpfungskette von Recycling, Knüppelproduktion, Strangpressen und Aluminiumkomponenten für B&C, industrielle Anwendungen und die Transportindustrie ab. Vor seiner Tätigkeit als CEO hatte er mehrere Managementpositionen bei HAI und AMAG inne und verfügt somit über 20 Jahre Erfahrung in der Aluminiumindustrie. Rob van Gils hat einen Abschluss in Maschinenbau und einen Master of Business Administration.

Kann es sein, dass es für Unternehmen auch zunehmend schwieriger geworden ist, Greenwashing zu betreiben?

van Gils: Ja, Gottseidank! Die Zeit, in der man sich mit ein paar netten grünen Marketing-Folien zufriedengegeben hat, ist vorbei. Die Aluminiumindustrie ist schon lange vor dem Green Deal proaktiv an dieses Thema herangegangen. Das kann man ja nicht in ein paar Monaten umsetzen, man muss viele Hausaufgaben erledigen, um dann eben auch jeglicher Prüfung standzuhalten. Und genau davor warne ich immer wieder, auch in meiner Rolle als Vorsitzender der Extrusion Division bei European Aluminium: Das letzte, das nun passieren darf, ist, dass Aluminium trotz seiner herausragenden Eigenschaften mit Greenwashing konfrontiert wird, weil der eine oder andere die Maßnahmen nicht ernsthaft umsetzt. Hier sind sich alle relevanten Player einig: Es bedarf absoluter Transparenz, um nicht einmal ansatzweise in einer solchen Diskussion zu landen.

 

Apropos European Aluminium: Wie beurteilen Sie denn die aktuelle Industriepolitik vor dem Hintergrund der doch recht klar definierten und ambitionierten Klimaziele?

van Gils: Ich sehe das Commitment der Industrie auf die Klimaziele als absolute Chance – allerdings nur, wenn zwei Faktoren gegeben sind: Einerseits brauchen wir das viel strapazierte Level Playing Field. Europa nimmt eine Vorreiterrolle ein, wir nehmen uns wieder einmal mehr vor als alle anderen. Aber dann muss man eben auch dafür sorgen, dass die Unternehmen dennoch wettbewerbsfähig bleiben. Etwa, indem man sicherstellt, dass kein Material von außen in unsere Märkte gelangt, das den Auflagen nicht gerecht wird.

 

Genau das versucht doch CBAM zu schaffen …

van Gils: … und die Motivation dahinter ist auch eine gute: Wer etwas importieren will, das nicht dem Nachhaltigkeits-Standard entspricht, den wir voraussetzen, der muss bezahlen, um das zu kompensieren. Damit fällt sein Vorteil weg, und unsere Unternehmen sind geschützt. Aber der Teufel steckt im Detail, das Thema ist wirklich äußerst komplex, wenn man es über die gesamte Wertschöpfungskette betrachtet. Daher darf es hier auch keine Schnellschüsse geben.

 

Geben Sie mir ein Beispiel für den Teufel im Detail?

van Gils: Etwa die Frage, woran man „Nachhaltigkeit“ eigentlich misst. Geht es nur um den CO2-Fußabdruck, haben chinesische Unternehmen leichtes Spiel: Rund zehn Prozent der Aluminiumproduktion Chinas sind grün, doch wenn sie dieses Aluminium für den Export allokieren, bleibt das dreckige Aluminium eben in China, und am CO2-Fußabdruck unseres Planeten ändert sich überhaupt nichts.

 

Ihr Gegenvorschlag?

van Gils: Man müsste Mittelwerte aus den Regionen dieser Welt als Basis heranziehen. Sonst kommt es zu Cherry Picking, zu klassischem Greenwashing. Die Chinesen würden das tun, ohne mit der Wimper zu zucken. Und europäische Produktionen mit wesentlich besserem Abdruck würden kannibalisiert.

"Das letzte, das nun passieren darf, ist, dass Aluminium trotz seiner herausragenden Eigenschaften mit Greenwashing konfrontiert wird, weil der eine oder andere die Maßnahmen nicht ernsthaft umsetzt."

Sie haben von einem weiteren entscheidenden Faktor gesprochen.

van Gils: Schlussendlich reden wir hier über eine Energiewende. Und wenn wir ausreichend grüne Energie zur Verfügung haben, wird die Industrie diesen Wandel auch stemmen können. Dafür benötigen wir aber Planungssicherheit. Und da sehe ich noch Lücken. Wir wollen den Wandel, da sind wir uns alle einig, und Europa prescht – wieder einmal – vor. Die Politik muss jetzt schnell sagen: Das bieten wir euch an Unterstützung, an Planungssicherheit, damit ihr das auch umsetzen könnt, ohne die Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren. Und das natürlich auch harmonisiert innerhalb der EU: Diese markanten Unterschiede zwischen den Standorten dürfen künftig nicht mehr existieren.

 

Ist so etwas wie CBAM als rein europäisches Projekt zukunftsfähig?

van Gils: Auch da habe ich meine Bedenken. Meiner Meinung nach müssen wir zumindest unsere westlichen Freunde mit an Bord haben. Bei den Chinesen wird uns das nicht so schnell gelingen.

 

Haben Sie das Gefühl, bei der Politik Gehör zu finden?

van Gils: Ja, wir können unsere Themen bei der Europäischen Kommission platzieren. Ich habe das Gefühl, dass sich die aktuelle Kommission intensiver mit der Industrie auseinandersetzt, als das früher der Fall war. Ein positives Signal war etwa, dass die Kommission Strafzölle auf Ware aus China implementierte, als klar wurde, dass die Chinesen das Level Playing Field im Extrusion-Bereich nicht leben.

 

In die Massenmedien schafft es Aluminium oft im Zusammenhang mit Umweltsünden. Wie kann man die andere Geschichte transportieren?

van Gils: Indem wir sie immer wieder erzählen. Es liegt an uns, das zu tun. Irgendwann wird die Industrie eine solche Maturity erreicht haben, dass wir fast kein neues Aluminium mehr produzieren müssen. Das ist die Message. Der Green Deal ist ja ein Generationen-Deal, wir sprechen hier von 200 oder 300 Jahren. Wenn wir es so betrachten, sieht das Bild für Aluminium ausgezeichnet aus. Diese Botschaft müssen wir nach außen tragen – mit Fakten hinterlegt, seriös und ohne den Anflug von Greenwashing. Denn das haben wir nicht nötig.

 

Das Gespräch führte Bernhard Fragner.

Erleben Sie Rob van Gils beim

ALUMINIUM Business Summit 2021
28.­–29. September 2021
Altes Stahlwerk Düsseldorf

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