Wie Audi die Lieferkette nachhaltiger macht

30. September 2021
Düsseldorf

Audi richtet einen Sustainability-Fokus auf die Lieferkette. Welches Potenzial schlummert dort? Was bedeutet das für die Lieferanten? Und was hat das mit Aluminium zu tun? Wir haben bei Alois Winkler, der für die „Responsible Supply Chain Strategy“ bei Audi verantwortlich ist, nachgefragt.

ALUMINIUM: Herr Winkler, Audi verpflichtet sich zu einer Responsible Supply Chain Strategy. Was genau steckt dahinter? Und warum liegt der Fokus auf der Lieferkette?

Alois Winkler: Bei der Elektromobilität entstehen die Emissionen nicht mehr überwiegend in der Nutzungsphase – erst recht nicht, wenn die Autos mit Grünstrom betrieben werden. Die Emissionen verschieben sich also in die Lieferkette. Daher ist klar, wo der Hebel anzusetzen ist: bei einer möglichst nachhaltigen und verantwortungsbewussten Lieferkettenstrategie.

 

Haben Sie das Optimierungspotenzial der Lieferkette bisher unterschätzt?

Winkler: Nein, das haben wir nicht. Aber der Fokus hat sich verändert. Wenn man sich den gesamten Lebenszyklus eines Fahrzeugs im heutigen europäischen Markt ansieht, dann entstehen in der Lieferkette je nach Antriebskonzept rund 20 bis 50 Prozent der CO2-Emissionen. Bei elektrifizierten Fahrzeugen ist dieser Lieferkettenanteil aufgrund der HV-Batterie üblicherweise höher als bei Verbrennerfahrzeugen. Wenn wir die Emissionen nicht im Vorfeld reduzieren, bilden sie einen Rucksack, den das Produkt bis zum Ende tragen muss. Und genau diesen gilt es weiter zu reduzieren. Der Sprung in die Elektromobilität hat also letztendlich dazu geführt, dass wir viele Fragen nochmals neu stellen und beantworten müssen.

 

Sie haben im Zuge der Strategie ein verpflichtendes Nachhaltigkeits-Rating für Lieferanten eingeführt. Was hat es damit auf sich?

Winkler: Ja, seit 2019 werden unsere Lieferanten auf Basis ihrer Nachhaltigkeits-Performance beurteilt. Nur wer unsere Werte teilt und entsprechend verankert hat, kann mit uns zusammenarbeiten. Dieses sogenannte S-Rating ist ebenso entscheidend für eine Vergabe wie die Qualitäts-, Entwicklungs- und Logistik-Ratings.

 

Und da können alle Lieferanten mithalten?

Winkler: Unser Ansatz ist bestimmt nicht, das Portfolio an Lieferanten einzuschränken. Es kann aber schon vorkommen, dass manche Zulieferunternehmen aufgrund mangelnder Nachhaltigkeits-Performance auch mal nicht für eine Vergabe berücksichtigt werden können. Diesen – aber auch allen anderen interessierten Lieferanten – bieten wir Schulungen an. Diese können ihnen dabei helfen, ihre Nachhaltigkeits-Performance zu verbessern. Allein 2020 haben wir mehr als 950 Beschäftigte von Zulieferunternehmen geschult.

 

 

 

 

 

 

Zur Person

Alois Winkler ist seit 2011 bei Audi in der Produktionsplanung tätig. 2019 wechselte er in den Bereich Strategy Procurement, wo er für das Audi CO2-Programm in der Lieferkette verantwortlich ist. Zu den Highlights des Programms, das auf die Dekarbonisierung der Lieferkette abzielt, gehören der Aluminium Closed Loop, die Nutzung von grüner Energie und die Erhöhung des Anteils an recycelten Materialien.

Wie gehen Sie denn die Dekarbonisierung Ihrer Lieferkette an? Und welche Rolle spielt hier Aluminium?

Winkler: Unser Audi CO2-Programm in der Lieferkette konzentriert sich in erster Linie auf drei Bereiche, die hinsichtlich der Emissionen den größten Anteil am Fahrzeug haben: Stahl, Aluminium und Batteriewerkstoffe. Der Werkstoff Aluminium hat eine lange Geschichte bei Audi und gehört zu den Kernkompetenzen im Unternehmen, deshalb haben wir hier auch den Lead im Konzern übernommen.

Wir haben festgestellt, dass sich die notwendigen Maßnahmen auf drei Bereiche herunterbrechen lassen: das Schließen von Kreisläufen, den Einsatz von Sekundärmaterialien und den Einsatz von erneuerbaren Energien.

 

Welchen Kreislauf können Sie bei Aluminium denn schließen?

Winkler: Es geht konkret um den Kreislauf unserer Stanzabfälle. Mit der Einführung des Aluminium Closed Loop können wir vertraglich sicherstellen, dass diese hochwertigen Schrotte von unseren Partnern zu genauso hochwertigen Teilen verarbeitet werden. Somit geschieht kein Downcycling, und die Energie der Erzeugung geht nicht verloren. Nicht zuletzt sichern wir uns damit auch gegen Schwankungen und Engpässe auf den Märkten ab. Der Closed Loop ist für uns eine äußerst wertvolle Maßnahme, um die Dekarbonisierung bei Audi voranzutreiben.

 

Audi ist auch Mitglied der Aluminium Stewardship Initiative. Welche Ziele hat sich die ASI vorgenommen?

Winkler: Seit 2013 ist Audi Mitglied der ASI. Expertinnen und Experten von Audi sitzen mit am Tisch, wenn es darum geht, neue Standards zu entwickeln und bestehende zu verbessern. Seit Ende 2020 sind wir zudem als erster Automobilhersteller „Chain of Custody“-zertifiziert. Dieses Zertifikat bescheinigt, dass Audi die Materialflusskette für möglichst nachhaltig hergestelltes Aluminium gemäß ASI-Standard einhalten und das entsprechend zertifizierte Material in den Aluminium Closed Loop mit seinen Lieferunternehmen überführen kann. Wir erhöhen also sukzessive den Anteil an nachhaltig produziertem Material. Und vor allem: Die Kette endet nicht bei uns.

"Wir haben festgestellt, dass sich die notwendigen Maßnahmen auf drei Bereiche herunterbrechen lassen: das Schließen von Kreisläufen, den Einsatz von Sekundärmaterialien und den Einsatz von erneuerbaren Energien."

Ein zentrales Standbein der Responsible Supply Chain Strategy ist Innovation. Können Sie hier Beispiele nennen?

Winkler: Wir denken prinzipiell immer darüber nach, wie wir uns neue Technologien wie Künstliche Intelligenz oder Blockchain zunutze machen können, um Nachhaltigkeit in der Lieferkette weiter zu fördern. Auf Unternehmensebene setzen wir zum Beispiel KI des österreichischen Start-ups Prewave ein. Damit haben wir eine Art Nachhaltigkeits-Radar, das uns hilft, potenzielle Risiken wie Umweltverschmutzung, Korruption oder Menschenrechtsverletzungen frühzeitig zu erkennen und eingreifen zu können.

 

Und im klassischen technischen Bereich?

Winkler: Auch hier tut sich viel, gerade beim Thema Aluminium. Uns ist vor allem wichtig, dass Innovation immer in enger Kooperation mit den Lieferanten geschieht. Wir haben etwa ein Low-Carbon-Aluminium im Einsatz, das in unsere Felgen einfließt. Für den Audi e-tron GT quattro und den Audi RS e-tron GT beziehen wir im Rahmen eines Pilotprojekts 20-Zoll-Felgen aus einem CO₂-reduziert hergestellten Aluminium. Das Zulieferunternehmen nutzt dafür ein selbst entwickeltes Schmelzverfahren, bei dem Sauerstoff anstelle von Kohlendioxid freigesetzt wird.  

 

Sie haben die erneuerbaren Energien angesprochen: Gibt es eigentlich genug grünen Strom für die klimaneutrale Produktion und den emissionsfreien Betrieb von zig Millionen an elektrischen Fahrzeugen?

Winkler: Unser Standort Ingolstadt war 2012 eines der ersten Automobilwerke, das ausschließlich Grünstrom genutzt hat. Und seit 2020 gilt das für alle unsere europäischen Standorte. In den Lastenheften unserer Batteriezellen-Hersteller ist dies heute ebenfalls verankert. Gleichzeitig sorgen wir für Erzeugung – wir haben etwa seit kurzem eine Kooperation mit RWE, die für uns erneuerbare Energien ausbauen. Sie sehen: Wir saugen den Grünstrom-See mit unseren Fahrzeugen nicht leer – sondern sorgen dafür, dass mindestens genauso viel nachgefüllt wird.

 

Nützen Ihnen all diese Bemühungen eigentlich auch im B2C-Marketing?

Winkler: Ja, immer stärker. Ob wir einen Aluminiumkreislauf schließen, ist natürlich nicht die erste Frage eines Autokäufers oder einer Autokäuferin. Aber das Interesse an Nachhaltigkeit nimmt signifikant zu. Die Menschen wollen immer häufiger wissen: Was ist das eigentlich für ein Unternehmen, bei dem ich kaufe? Nachhaltigkeit ist daher ein zentraler Aspekt der Positionierung von Audi als zukunftsfähiges Unternehmen.

 

Das Gespräch führte Bernhard Fragner.