• 27. – 29. September 2022
  • Messegelände Düsseldorf

„Die ASI-Gemeinschaft wächst jeden Tag“

19. September 2022
Düsseldorf

Welche Bedeutung haben die Standards und Zertifizierungen der Aluminium Stewardship Initiative in der Branche? Ein Gespräch mit ASI-CEO Fiona Solomon über Wachstum und Ziele der Organisation, Maßnahmen gegen Greenwashing und die Notwendigkeit, Nachhaltigkeit möglichst breit zu betrachten.

ALUMINIUM: Aluminium ist unbestritten ein Werkstoff, der sich hervorragend für die Kreislaufwirtschaft eignet. Inwieweit können Normen hier prinzipiell helfen?

Fiona Solomon: Obwohl Aluminium beim Recycling relativ gut abschneidet, muss noch viel mehr getan werden, um einen breiteren Übergang zur Kreislaufwirtschaft zu unterstützen. Die ASI-Normen befassen sich unter anderem mit Ansätzen für Lebenszyklusanalysen, der Integration von Nachhaltigkeit in das Produktdesign, einer besseren Bewirtschaftung von Aluminiumprozessschrott und der Verbesserung der Sammlung und des Recyclings von Produkten am Ende ihres Lebenszyklus.

Neben Aluminium müssen auch Abfallströme wie Bauxitrückstände, Krätze und verbrauchte Topfauskleidungen im Rahmen eines Kreislaufwirtschaftskonzepts behandelt werden, wobei wirtschaftlich tragfähige Technologien noch entwickelt werden müssen. Die ASI-Standards verpflichten die Unternehmen, regelmäßig die besten verfügbaren Technologien und Alternativen zur Entsorgung zu prüfen. Im Großen und Ganzen definieren die Standards Schlüsselfragen und einen Fahrplan für Verbesserungen – und werden regelmäßig überprüft und aktualisiert. Die neuesten Versionen der ASI-Standards wurden im Mai 2022 veröffentlicht.

 

ALUMINIUM: Wie ist Ihr Eindruck von der Reaktion der Industrie? Anders gefragt: In welchen Bereichen der Wertschöpfungskette wird ASI am ehesten begrüßt – und wo weniger?

Solomon: ASI wurde vom Bauxitabbau bis hin zur Halbzeugherstellung und einigen Materialumwandlungsaktivitäten, insbesondere Verpackungen, stark angenommen. Die Zahl der ASI-Mitglieder ist von 13 Organisationen im Jahr 2015 auf über 250 im August 2022 gestiegen und stößt bei neuen und potenziellen Mitgliedern weiterhin auf Interesse. Zu den Sektoren, in denen ASI weiter wachsen könnte, gehört das Baugewerbe, das ein bedeutender Nutzer von Aluminiumprodukten ist. 

 

„Im Großen und Ganzen definieren die Standards Schlüsselfragen und einen Fahrplan für Verbesserungen – und werden regelmäßig überprüft und aktualisiert."

 

ASI hat Anerkennungen von LEED und BREEAM für verantwortungsvolle Beschaffungskomponenten ihrer Standards für grünes Bauen erhalten und arbeitet auch mit anderen Bausystemen zusammen. Wir arbeiten auch mit dem Finanzsektor und anderen nachgelagerten Sektoren, die Aluminium verwenden, zusammen. Unser Ziel ist, die erste Plattform für die verantwortungsvolle Produktion, Beschaffung und Verwaltung von Aluminium über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg zu sein.

 

ALUMINIUM: Inwieweit ist Greenwashing ein Problem in der Aluminiumindustrie?

Solomon: Greenwashing ist ein potenzielles Problem in allen Branchen, und die Kontrollen und Maßnahmen dagegen nehmen zu Recht zu. Irreführende Behauptungen führen zu Reputations-, Rechts- und Regulierungsrisiken, insbesondere, wenn sich andere Organisationen bei ihren eigenen Entscheidungen oder Maßnahmen auf diese Informationen stützen.

ASI achtet darauf, die in seinen Standards verwendeten Schlüsselbegriffe sorgfältig zu definieren und verfügt über einen Claims Guide, der regelt, welche Arten von Behauptungen über die ASI-Mitgliedschaft und -Zertifizierung aufgestellt werden dürfen. In den im Mai veröffentlichten Standards 2022 wird zunehmend Wert auf eine konsistente und genaue Offenlegung gelegt, einschließlich – aber nicht beschränkt auf – Treibhausgasemissionen. Darüber hinaus werden zunehmend Berichtsstandards für ESG-Kennzahlen und regulierte Offenlegungen eingeführt, die ebenfalls spezifische Anforderungen in Bezug auf Governance, Risikomanagement, Kennzahlen/Ziele und Strategie enthalten.

© Aluminium Stewardship Initiative

Fiona ist Chief Executive Officer der Aluminium Stewardship Initiative (ASI), der sie seit März 2015 angehört. Sie ist für die strategische, finanzielle und operative Führung der Organisation verantwortlich. Sie fungiert auch als Unternehmenssekretärin der ASI.

In ihrer mehr als zwanzigjährigen Laufbahn hat sie sich auf den Aufbau neuer und innovativer Initiativen in den Rohstofflieferketten spezialisiert. Zuvor war sie von 2007 bis 2015 Direktorin für die Entwicklung von Standards beim Responsible Jewellery Council, wo sie ein Zertifizierungsprogramm für Gold, Diamanten und Platingruppenmetalle entwickelte, das von mehr als 1000 Unternehmen in der gesamten Lieferkette von der Mine bis zum Einzelhandel übernommen wurde.

Sie war Vorstandsmitglied der ISEAL Alliance und Gründungsmitglied der Multi-Stakeholder-Lenkungsgruppe der OECD für verantwortungsvolle Rohstofflieferketten. Ab 1997 arbeitete Fiona zehn Jahre lang bei der australischen CSIRO, wo sie die Forschung im Bereich Bergbau und Nachhaltigkeit leitete.

Außerdem war sie an den WWF abgeordnet, um ein Multi-Stakeholder-Projekt über die Durchführbarkeit der Zertifizierung von Minenstandorten zu leiten. Sie hat einen Bachelor-Abschluss (Hons 1) in Maschinenbau, einen Doktortitel in Technologiephilosophie und ist Absolventin des Australian Institute of Company Directors.

ALUMINIUM:  ASI hat relativ hohe Ziele. Wie zufrieden sind Sie denn mit dem aktuellen Stand der Entwicklung? Wo sehen Sie derzeit den größten Bedarf an Verbesserungen?

Solomon: Die ASI-Gemeinschaft wächst jeden Tag, und wir können mit dem Engagement und der Umsetzung seit dem Start des Zertifizierungsprogramms im Dezember 2017 zufrieden sein. Unsere Arbeit ist jedoch noch nicht beendet. Entlang der Wertschöpfungskette gibt es große Nachhaltigkeitsherausforderungen, und es gibt immer Verbesserungsmöglichkeiten für jede Organisation – ob ASI-Mitglied oder ASI selbst. Wir haben unser Team vergrößert, um die Kapazitäten für unsere verschiedenen Arbeitsbereiche zu erhöhen, und streben nach Innovation und Effizienzsteigerung bei unserem Datenmanagement und unserem digitalen Gesamtansatz.

 

ALUMINIUM: Kann ASI auch als Vorbild für andere Materialien in der Branche dienen?

Solomon: ASI hat sich an einer Reihe von allgemeinen und rohstoffspezifischen Initiativen beteiligt, und wir sind immer gerne bereit, unseren Ansatz und unsere Erkenntnisse mit anderen zu teilen, um Maßnahmen zu Nachhaltigkeitsthemen zu unterstützen.

 

„Entlang der Wertschöpfungskette gibt es große Nachhaltigkeitsherausforderungen, und es gibt immer Verbesserungsmöglichkeiten für jede Organisation – ob ASI-Mitglied oder ASI selbst."

 

ALUMINIUM: Sie befassen sich mit ethischen, ökologischen und sozialen Aspekten der Nachhaltigkeit. Meistens wird darunter jedoch nur der ökologische Aspekt verstanden – ist das auch bei Ihnen der Fall?

Solomon: Ganz und gar nicht! Wir sind sehr darauf bedacht, die Nachhaltigkeitslandschaft in ihrer ganzen Breite zu betrachten – der Umfang des ASI-Leistungsstandards verdeutlicht dies. Wir heben vier zentrale Nachhaltigkeitsschwerpunkte hervor, die eigentlich miteinander verbunden sind: Klima, Kreislaufwirtschaft, Naturverträglichkeit und Menschenrechte. Jede dieser Prioritäten hat eine ethische, soziale und ökologische Dimension. Im Bereich des Klimas sollten Sie zum Beispiel die Fragen im Zusammenhang mit einem „gerechten Übergang“ berücksichtigen: Maximierung der sozialen und wirtschaftlichen Chancen des Klimaschutzes bei gleichzeitiger Minimierung und sorgfältiger Bewältigung aller Herausforderungen.

 

ALUMINIUM: Wie begegnen Sie der Befürchtung, dass die hohen ASI-Standards ein Problem für kleinere Unternehmen darstellen könnten?

Solomon: Es kann sowohl für große als auch für kleine Unternehmen Vor- und Nachteile haben, wenn sie die Standards in ihren Organisationen umsetzen. In kleinen Unternehmen ist das Management oft näher an den Geschäftsabläufen, und die Managementsysteme können einfacher sein und auf die Größe und Art des Unternehmens abgestimmt werden.

Die Herausforderungen für kleinere Unternehmen bestehen oft darin, sich in neue Themen und Ansätze einzuarbeiten, ohne dass sie über Fachleute verfügen können. Mehrere kleine und mittelgroße Mitglieder haben die ASI-Zertifizierung erlangt, und wir arbeiten daran, die Erfahrungen aus ihrer Zertifizierungsreise zu sammeln. Darüber hinaus sollen die ASI-Lernplattform educationAL und die unterstützenden Leitlinien für die Standards Anhaltspunkte für den Einstieg bieten, und wir sind immer daran interessiert zu erfahren, wie wir unsere Mitglieder bei der Veränderung unterstützen können, unabhängig von der Größe ihrer Organisation.